Thema: Bad Boys...
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Alt 12-10-2003, 00:13
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Raskolnikow Raskolnikow ist offline
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Die Pille für den Blick
Das ist genau der Film, vor dem dieser Film warnt: Michael Bays schreckliche "Bad Boys 2"

Die Kritiker sind sich einig, daß der Film schlecht sei. Zynisch, geschmacklos, witzlos, unmoralisch, die Inszenierung ohne Raumgefühl, die Logik der Geschichte ein Desaster. Das ist alles richtig, aber es hilft nicht weiter. "Bad Boys 2" hat in Nordamerika 140 Millionen Dollar eingespielt (etwas weniger, als das Studio Columbia Tristar erwartet hatte), und er wird im Rest der Welt mindestens noch einmal soviel einspielen. Warum, woher, wozu?

Nehmen wir eine Szene aus der Mitte des Films. Detective Marcus (Martin Lawrence) und sein Partner Mike (Will Smith), die bad boys des Titels, gehen in einen Hi-Fi-Laden. Sie haben gerade in einem abbruchreifen Haus in Miami fünf Männer erschossen, Immigranten, Latinos, Drogengangster, und nun lassen sie sich die Mini-DV aus dem zerschossenen Camcorder der Bande vorführen. Man sieht ein Leichenschauhaus, das als Tarnung für Geschäfte mit Ecstasy-Pillen dient, und dann eine Kopulation im Auto, sehr ausführlich, und weil der Ladenangestellte zwei Kabel falsch gesteckt hat, läuft der Videofilm plötzlich auf allen Fernsehmonitoren, die in dem Hi-Fi-Geschäft stehen. Ein älteres Ehepaar entrüstet sich, eine Kundin hält ihrem Kind die Augen zu, der Ladenbesitzer stürzt herbei. Aber es kommt noch besser.

Denn nun sitzen Marcus und Mike auf der Couch in dem kleinen Aufnahmestudio des Ladens, wo sie sich unbeobachtet wähnen, und Marcus, der weniger hartleibige der beiden, klagt seinem Partner sein Leid: daß er seit ihrem letzten Einsatz, bei dem ihm Mike versehentlich eine Kugel in den Hintern schoß (wir haben es gesehen, in Superzeitlupe), keine Erektion mehr bekomme, daß auch Viagra ihm nicht geholfen habe, daß er sich dem Streß der Polizeiarbeit nicht gewachsen fühle et cetera. Er sagt es so, daß man fast jeden Satz auch in einem anderen, homosexuellen Sinn verstehen kann, und weil der ungeschickte Ladenangestellte abermals die Kabel vertauscht hat, sieht und hört man auch diese Szene wieder im ganzen Laden, was zu ganz unterschiedlichen Reaktionen des Publikums führt: Ein Männerpärchen lobt den Bekennermut von Marcus, ein Junge fragt: "Mama, was ist eine Erektion?", andere protestieren. Schließlich entdecken Marcus und Mike, daß sie beobachtet werden, und gehen ab, um weiter die Feinde des amerikanischen Traums zu jagen.

Es gibt viel drastischere, blutigere, obszönere Dinge zu sehen in "Bad Boys 2" - aufgeschnittene Leichen, einen Eimer voll abgehackter Glieder, ein Humvee-Armyfahrzeug, das eine kubanische Hüttensiedlung niederwalzt - aber dies ist die Szene, die den Film erklärt. Denn "Bad Boys 2" verhält sich zur Motivik des Genres, in dem er sich bewegt, zu den Typen und Themen der klassischen cop movies, wie ein Elektronikladen zu den Programmen, die auf seinen Monitoren laufen. Sie sind Verkaufsanreize, mehr nicht. Michael Bay, der Regisseur, ist mit Werbespots nach Hollywood gekommen, und auch in seinem Sequel zu "Bad Boys" (1995) weiß er genau, wie er seine Waren ins Schaufenster legen muß: eine schöne Frau im Bikini (Gabrielle Union), großkalibrige Waffen, ein neues Opel-Modell; Sex, Gewalt, Beschleunigung. Insofern ist der Film selbst die Ecstasy-Pille, vor deren Gebrauch er warnt. Was ist schon ein Drogenkartell gegen das Kartell, das die Leinwand beherrscht?

ANDREAS KILB

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 38
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Also sowelche Politiker sollte man ihr Amt abnehmen!
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